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Zum „Schmidlas Haus"
Von Architekt Benedikt Gratl

Gedächtnisspeicher Ötztal

Das Haus Lehn 23b, mit seiner scheinbar statischen, homogenen Hülle, ist in Wahrheit ein Zyklop. Nun ist diese Feststellung für „alte Häuser" nicht wirklich ungewöhnlich, doch hier ist diese Eigenschaft mit nur ganz wenig Erklärung für den Besucher erlebbar. Die öffentliche Nutzung erlaubt und fördert diese Lesbarkeit. Lehn 23b spiegelt das heute fast gänzlich verloren gegangene Selbstverständnis des Bauens über Jahrhunderte hinweg.

Diesen Zyklop „in den Griff zu bekommen" war für mich als planenden Architekten ein echte Herausforderung. Bei der vorhandenen hohen Dichte von verschiedensten historischen Informationen verknüpft mit hoher baukünstlerischer Qualität auf engsten Raum besteht die Gefahr, dass sich so ein komplexes Projekt verselbstständigt, und ich als Architekt nur mehr eine prozessbegleitende Rolle einnehmen kann. Der „Blick auf das Ganze" kann dabei sehr schnell verloren gehen.

Wer sich als Architekt in historischer Bausubstanz bewegt, der hat die Gelegenheit, neue architektonische Maßnahmen in einen historischen Kontext zu bringen und sich so in die lange Entwicklungsgeschichte als „Kurzgeschichte" einzureihen. Die Frage ob diese Kurzgeschichte eine Erfolgsgeschichte ist bzw. war, ob ein architektonisches Statement von dauerhaftem, dem Haus, dem Dorf, der Stadt förderlichem Wert ist, wird die nächste Generation beantworten müssen.

Auch in Lehn habe ich nicht bei null auf der grünen Wiese begonnen, sondern die Hauptsache, die historische Bausubstanz war ja schon da. Diese historisch gewachsene Struktur galt es vorab genau zu studieren und zu kennen. Dieser Prozess war ungemein wichtig, kräfteraubend und zeitintensiv. Erst dann konnte ich mit der Lösungsfindung, der kreativen Arbeit beginnen.
Im Altbestand bauen beinhaltet stets die erneute Suche nach dem richtigen Maßstab, dem „Wie viel" und die Suche nach dem richtigen Material. Es geht hier um die Dialektik zwischen „Alt und Neu" und „Sowohl als Auch" anstatt „Entweder Oder".
Es ist somit stets ein „Weiterbauen auf dem Bestand": ein Rückbau, ein Umbau, eine Reparatur, eine Sanierung, aber ganz selten ein völliger Neubau. Neben der eigentlichen Lösungsfindung zu einer konkreten Fragestellung gilt es selbstredend auch Denkmalschutz, Stadt- und Ortsbildschutz, baupolizeilichen Auflagen, den „Stand der Technik" samt den heutigen Nutzungsanforderungen unter einen Hut zu bringen. Dies gelingt nicht immer und so muss eine Idee schon mal gänzlich fallen gelassen werden.

In Lehn 23b wirklich neu ist der angebaute hölzerne Stiegenhausturm, der die notwendige – den baupolizeilichen Auflagen entsprechende – vertikale Erschließung der Geschosse sicherstellt. Ebenso musste der desolate, teilweise statisch unterdimensionierte Dachstuhl gänzlich erneuert werden. Unter dem Dach wurde mit dem Anspruch den „Dachboden" als erlebbares, hölzernes Raumgefüge wieder herzustellen ein Versammlungsraum eingebaut.
Im Obergeschoß wurde die bauliche Intervention der späten 1960er Jahre entfernt. Diese „freie" Hausecke wurde mit einer zweitseitigen, raumhohen Verglasung samt vorgelagerten Holzlamellen und einer Sichtverbindung in das Dachgeschoß gänzlich neu interpretiert.

www.architekt-gratl.com


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BausteinAktion

Der Gedächtnisspeicher-Lehn 23b steht, nun beginnt die Arbeit im Inneren und es gilt, ihn mit Inhalten zu füllen: Archiv-
ausstattung, Infrastruktur, Fotoarchiv, Tonaufnahmen ...
die Ideen und Aufgaben sind vielfältig.

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Vom „Schmidlas" Haus zu „Lehn 23b-Gedächtnisspeicher"
Von Hans Haid, Obmann des Ötztaler Heimatvereins

Wie konnte es so weit kommen?

Die Qualität eines Hauses hängt auch von der Einbettung in seine unmittelbare Umgebung ab. Lehn besitzt einen über ein halbes Jahrtausend gewachsenen intakten Ortskern. „Als kämen die Bauersleute jeden Moment von der Feldarbeit zurück" beschrieb Hans Gschnitzer die Atmosphäre im Heimat- und Freilichtmuseum. Dieses Ensemble galt es zu schützen und zu sichern.

Es waren Fragen zu beantworten: Welchen Wert, welche Qualität hat das 1979 eröffnete Museum, wenn das „Schmidlas" und das „Klausn" Haus eines Tages dem Abriss frei gegeben werden? Was verliert der Ort Lehn an dörflicher Qualität? Wie viele intakte alte Ortskerne mit bäuerlicher Struktur im Tal sind noch erhalten? Wenn diese alten Häuser der Spitzhacke zum Opfer fallen, geht auch unwiederbringlich ein Stück Geschichte verloren. Diese Häuser sind eine Antwort auf ihre Umgebung und daher nur an diesem Ort zu verstehen.
Unserem Ansuchen folgend wurde 1993 vom Bundesdenkmalamt der Ortskern mit den drei markanten Häusern unter Ensembleschutz gestellt und vorerst einmal Zeit gewonnen.

Ein Menschenleben währt nicht lange, Häuser aber erzählen die Geschichten und Erzählungen von Generationen. Sie lassen die Erinnerung an das Wohnen, das Arbeiten, die Kultur von Menschen lebendig werden, ohne nostalgischer Verklärung die Tür zu öffnen. Das Ensemble des Museums bekam seinen Charakter durch alle dortigen Bewohner seit dem 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
2006 wurde vom Ötztaler Heimatverein das Schmidlas von der Gemeinde Längenfeld käuflich erworben. Der Dank gilt der ehemaligen Besitzer-Familie Erich Schmid und der Gemeinde Längenfeld mit Bürgermeister Willi Kuen.

Alle ins Boot holen

Das Projekt „Schmidlas Haus" sollte nicht nur heutige Förderungsstandards erfüllen (Tal, Land, Bund, EU); durch die Einbindung möglichst vieler sollte die Qualität des Vorhabens und seine Umsetzung gesichert werden.
- Dokumentation/Bestandsaufnahme des Hauses: Dipl. Ing. Höflinger
- Untersuchung der Baugeschichte: Pescoller Werkstätten und Martin Mittermair
- Dendrochronologische Untersuchung: Die im Erdgeschoss der westlichen Gebäudehälfte original im Mauerwerk eingebauten Deckenbalken markieren eine Erstbauphase noch vor 1470AD. Jahrringe des ältesten Deckenbalkens (19x23cm, Lärche) im NW-Raum Erdgeschoß: 1224-1424. (Dendrochronologische Untersuchung von Konstruktionshölzern Hof „Schmidlas", Längenfeld (2008); Kurt Nicolussi/Thomas Pichler - Arbeitsgruppe Dendrochronologie/Institut für Geographie Leopold-Franzens Universität Innsbruck).
- geladener Architektenwettbewerb: Siegerprojekt Dipl. Ing. Benedikt Gratl
- Restaurierung durch Firmen mit einschlägiger Erfahrung in der Altbausanierung
- Museumskonzept: Aus der ersten Idee, einem „Haus des bäuerlichen Handwerks" – schließlich hatte Jörgls Otto seine Werkstatt in der Stube im Parterre und im Hausgang – wurde nach einem strukturierten Diskussions- und Entscheidungsprozess Lehn 23b–Gedächtnisspeicher Ötztal. Die kompetente Leitung der Konzeptentwicklung lag in den Händen von Mag. Petra Paolazzi (Museumsentwicklerin), Mag. Werner Matt (Direktor Stadtarchiv Dornbirn) und Dr. Ellinor Forster (Universität Innsbruck); der Ötztaler Heimatverein, die Ortschronisten der Gemeinden, Kulturreferenten ... überlegten, diskutierten und arbeiteten mit.
- Das gesamte Vorhaben wurde im Rahmen von zwei EU-Projekten abgewickelt: Interreg III (Bau) und Leader, regio imst (Einrichtung, Infrastruktur). Projektmitfinanzierung durch die Ötztaler Gemeinden, die Dorferneuerung, die Landesgedächtnisstiftung, die Kulturabteilung des Landes, das Bundesdenkmalamt, das BMUKK und durch Eigenmittel des Heimatvereines.

Mit Jahresende 2012 konnte das Baukonto gelöscht werden, d.h. das gesamte Vorhaben im Finanzierungsbedarf von knapp über € 700.00.- war mit den Förderstellen abgerechnet und bezahlt. Die Prozessqualität zu halten ist ein nächstes Ziel. Im internationalen Bewerbungsverfahren für die Leitung des Gedächtnisspeichers Ötztal ist das bereits gelungen.

„Werte und Sichtbares an Handwerkskunst und Materialität von gestern haben sich bewährt – erhalten wir sie für die Ewigkeit und erfreuen wir uns daran."
(25 Jahre Dorferneuerung Tirol)